Kreise, Linien und Rechtecke - können(!) der Kommunikation behilflich sein

August 20, 2012

Wer kennt das nicht: Unzählige Kreise, Vierecke und Linien wild auf das Whiteboard gemalt, in verschiedenen Farben, mit und ohne Beschriftungen, übermalt, weggewischt, etc… Im besten Falle werden Elemente aus der UML dazu verwendet, Sachverhalte zu verdeutlichen und/oder zu vereinfachen (die UML ist eine wunderbare Methode um zu vereinfachen und zu abstrahieren). Wenn es keine UML ist, dann hat sich bei den meisten Unternehmen eine eigene Meta- bzw. Zeichensprache entwickelt - egal wie, hauptsache es hilft und ist der Kommunikation und dem Verstehen zwischen mehreren Parteien zuträglich. Das ist auch alles gut so wie es ist.
Jetzt musste ich aber mal wieder (bzw. immer noch!) die Ausprägung zweier Extreme kennenlernen:

  • Völlige Ignoranz gegenüber jeglicher Zeichnungen/Diagramme/o.ä.
  • Evolutionäres “Leben” eines Diagrammes über einen viel zu langen Zeitraum mit völlig wechselnden Scopes, Bedingungen und Anforderungen

Wahrscheinlich hat jeder von uns schon ein Mal Bekanntschaft mit einer oder beiden o.g. Extremen gemacht. Aber warum muss das heute noch sein? Wer will das? Wer will miss- oder schlimmstenfalls gar nicht verstanden werden?

Vertreter der ersten Kategorie beharren streng auf ihrer Einstellung “Warum soll ich Whiteboards oder ein Blatt Papier vollschmieren, ich weiß doch um was es geht!”. Spätestens wenn aber zwei Menschen miteinander reden, die nicht die völlig identischen Bezeichner für ein und die gleiche Komponente, das gleiche System oder den gleichen Sachverhalt verwenden, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Eine Zeichnung hilft hier wesentlich weiter (auch wenn sie in keinster Weise der UML entspricht), man kann auf Kreise, Kästen und Linien deuten, der Gegenüber weiß was gemeint ist und es entlastet das Gehirn, das nicht ständig die Zusammenhänge aus Worten neu aufbauen muss, sondern kann sich auf die grafische Darstellung verlassen (unser Gehirn kann grafische Zusammenhänge deutlich besser erfassen, als gesprochen Worte in einen Zusammenhang umsetzen!). Auf das Gegenwirken von Kopf-Monopolen durch (u.a. auch) grafische Dokumentation möchte ich hier erst gar nicht eingehen, aber auch hier kann man mit der “Information-Hiding” Einstellung seinen Arbeitsplatz sichern.

Mitstreiter, die bereits über diese erste Phase hinausgewachsen und doch irgendwann zur Erkenntnis gekommen sind, dass es besser ist zu malen als nur zu reden, gehören aber auch oftmals zur zweiten Kategorie an, deren “Kunstwerke” mit der Zeit anfangen ein Eigenleben zu entwickeln.
Im ersten Meeting wird ein rudimentäres Skelett des Sachverhalts an das Whiteboard gezeichnet, noch relativ übersichtlich, wenige Formen, ein paar Verbindungen, max. 2-3 Farben. Doch nun folgen Meeting Nr. 2 bis 17 innerhalb weniger Tage mit vielen unterschiedlichen Projektbeteiligten, die alle einen unterschiedlichen Scope und Fokus und Anforderungen zur Anwendung haben. Dennoch wird von dem “Künstler” stur bei der einen, doch alles erklärenden Skizze verblieben. Was noch nicht enthalten ist, wird hinzugefügt. Was nicht passt, wird passend gemacht!
Nach Meeting Nr. ca. 7-9 kann man nur noch schwer erkennen, um was es sich eigentlich auf dem Whiteboard handelt, völlig überfrachtet mit Vierecken, die eingekreist und an die mehrere Dutzend Pfeile angedockt sind, in beliebig vielen Farben, mit technischen wie fachlichen Bezeichnern, oder waren es doch die Kürzel der verantwortlichen Personen..!? Fälligkeitsdaten, Anforderungen, Bedingungen, Akzeptanzkriterien (falls es solche überhaupt gibt), etcpp…. Eine Neverending Story von künstlerischer Freiheit und der geneigte Betrachter fragt sich ernsthaft, ob es sich dort an der Wand um eine Darstellung der eben besprochenen Anwendung oder um ein Original von Meister Picasso persönlich handelt.
Bei Meeting Nr. 1 und 2 war ich anwesend, bei ca. Nr. 9-11 schaute ich mal wieder rein - und wusste nicht, ob es sich noch um die gleiche Anwendung wie vor drei Tagen handelte oder um etwas ganz Anderes.

Egal wie, Kommunikation und Dokumentation muss sein, aber immer im richtigen Maße und mit der richtigen Zielgruppe im Hinterkopf. Lieber ein Mal zu viel neu gemalt, als ein Mal zu wenig und vielen Missverständnissen damit aus dem Weg gegangen. Und wenn man dann noch mit der UML umgehen kann, dann ist das die Krönung, aber wie gesagt, das muss gar nicht mal unbedingt sein.

Tags: kommunikation uml architektur dokumentation